TIME OUT IN CANADA

„Eine wilde, atemlose Begeisterung trägt mich fort. Schon nach wenigen Tagen bemerke ich, dass es auf diesen Boden ankam, sich nichts verdrießen, sich etwas einfallen zu lassen, woran man noch nie gedacht hat, also Herr (oder Frau) der Umstände zu bleiben. Aus dem großen Abenteuer, dem wir uns ausgeliefert haben, schien die große Aufgabe unseres Lebens zu werden. Hier gilt der eigene Verstand, der eigene Mut. Ich will mich vertraut machen mit den großen und kleinen Geheimnissen, den Tücken, aber auch mit dem helfenden und schützenden Zauber der Wälder, der felsigen Küsten, der heimlichen Buchten. Mit den Seen und den Flüssen vertraut machen. Das neue Land öffnet sich. Von Tag zu Tag schwindet die Fremdheit und bald bewege ich mich so sicher wie in einem heimatlichen Garten. Manchmal packt mich der Rausch des Könnens, der ungemein verfeinerten und geschärften Sinne. Die Gewissheit dass mir diese unermesslichen Wälder und Wildnisse zur Verfügung stehen, wenn ich nur will und mich einfüge. Uns eint die Vernarrtheit in die Wildnis, in ihre Schrecken, ihre heimlichen Beglückungen. Eine neue, ungeahnt freie und weite Welt hat mich aufgenommen.

Aus dem Buch „Ans dunkle Ufer“ von A. E. Johann. 

 

 

WILLKOMMEN BEI 10 GRAD

Unser Flug nach Frankfurt verläuft planmäßig. Walter hat bereits unsere Bordkarten gebucht, die jederzeit über das Handy abrufbar sind. Wir reisen mit Handgepäck, also alles super easy.

Halifax heißt uns nach 6,5 Stunden Flug mit Regen, Wind und 10 Grad willkommen. Auf unserer Fahrt nach Whiteside sehen wir am Straßenrand viele Sturmschäden. An der Tankstelle Irving, kurz vor dem Canso Causeway, der uns nach Cape Breton hinüber bringt, bekommen wir das nötigste fürs Frühstück am nächsten Tag. Vor der Einfahrt zu unserem Haus lassen sich zwei Deers mächtig viel Zeit, die Straße zu überqueren. Im späten Abendlicht sind sie kaum zu erkennen.

 

PEACEMAKER

Absolute Ruhe. Absolute Dunkelheit. Wir schlafen wunderbar. Beim Frühstück vermissen wir für zwei Sekunden unser Lärmgerät namens Kühlschrank. Der Neue ist “A silent one”.

Herzlicher Empfang bei unseren Nachbarn. Bei Coffee and Apple Crumble erfahren wir die "News from Whiteside". Die kleine vorgelagerte Insel ist verkauft worden. Wir werden bald die neuen Eigentümer, eine Familie mit zwei Kindern, kennenlernen können… Ein anderer Nachbar bekommt einen Herzschrittmacher. “Pacemaker”. Nicht zu verwechseln, mit “ Peacemaker”, ein Single-Action-Revolver der Firma Colt, der jedem Western-Fan aus seiner Jugendzeit bekannt sein dürfte.

 

Vor der Garage hat sich ein Walderdbeerfeld breit gemacht. Das sollte erst mal nicht gemäht werden. Sieht nach mittelreicher Ernte aus!

 

BOJE

Abends um 8:00 hat das Wasser seinen Tiefststand erreicht. Walter hält nach der Boje für das Boot Ausschau. Diese wurde in einer kalten Winternacht, als die Bucht zugefroren war, mit der einsetzenden Flut hochgehoben und mit Ebbe ein Stück weit ins Meer befördert! Man stelle sich vor! Ein zentnerschwerer gegossener Zementblock mit Boje!

 

 

CHIVES

Ich treffe mich mit unseren Nachbarn. Wir wollen auf Ile Madam Lobster holen und auf dem Weg dorthin eine Gärtnerei besuchen. Basilikum, Salbei und Rosmarin erweitern die Küche doch enorm! Bei „Samson & Landry`s Gardening – For all gardening needs“ sind wir genau richtig! Wir haben schnell das richtige gefunden. Noch ein paar Pflanzen für den Topf am Eingang… und der Schnittlauch sieht auch gut aus. Bin vorbereitet und habe bereits das, was ich brauche, zuhause übersetzt. Auf den englischen Begriff “Chives“ wäre ich nämlich nicht gekommen! Ich sende ein “Sorry Martina!” an meine Englischlehrerin.

 

LOBSTER 

Weiter geht’s zu Cory & Rhea`s Lobster Pound. Unten im Hafen liegen die Fischerboote. Alles da, was man braucht, aber nicht mehr. Nichts deutet hier auf Tourismus hin. Keine Reklame, keine Ruhebänke für müde Touristen, keine Eisbude für die kurze Erfrischung. Hier wird nichts zur Schau gestellt. Nichts geschönt. Nichts aufgehübscht. Hier ist alles dem Zweck des Fischfangs untergeordnet. Wir erreichen ein einfaches weißes Häuschen, die Türe ist offen, innen zwei Wasserbecken mit verschieden großen Lobstern. Eine junge Frau beantwortet sehr geduldig meine Fragen. Fangquoten, Fanggründe, Lobster Saison - diese ist von Mitte Mai bis Ende Juni. Am 1. Juli wäre hier niemand mehr, das Haus zugesperrt. Sie selbst fährt dann zum Camping an die Ostseite des Cabot Trails. Wir bekommen noch einen Kanister Salzwasser mit, zum Kochen.

 

LOBSTER FOR DINNER

Francis hat die Lobster zubereitet. In einem 50-Liter-Topf, darunter eine leistungsfähige Heizplatte. Ca 10 cm Salzwasser, gemixt mit etwas Leitungswasser werden erhitzt. Dann ein Gestell hinein, darauf die Lobster 30 Minuten dämpfen.

Es gibt Melone und italienischen Prociutto Cotto - Zu den Lobstern traditionell Kartoffelsalat und Alioli. Den Hummer zu verspeisen will gelernt sein. Am Anfang sind wir zögerlich. Was für phantastische Tiere hat die Natur da hervor gebracht! Erst die Kleinteile zerlegt, dann TWIST and BREAK… Wir essen etwas zeitverzögert und schauen uns ab, wie`s geht. Der ganze Körper ist im Einsatz. Die großen Servietten ebenso. Mit etwas Alioli und reichlich Wein und Bier wahrlich ein Festessen. 

 

Reichlich unfestlich kommt der mitgebrachte Eimer daher, der neben den Tisch drapiert wird. Da kommen alle Schalen und Reste rein. Die werden später an den Strand gekippt. Die Vögel würden sie sauber picken. Der Rest wird mit der Flut zurück ins Meer gespült.

 

OVEN

Walter schließt den neuen Backofen an. Ich studiere die Bedienungsanleitung. Durchaus eine Herausforderung! Press button A than press button B. Wait for the next Beep… Die Anleitung sagt mir, wie ich die vielen Warn - Start - und Funktionstöne ausschalten kann. Das mache ich als erstes!

<< Neues Textfeld >>

ZEITRÄUME WALD

Ein traumhaft schöner Tag. Nachmittags pflanze ich die Kräuter ein. Die Vorbereitung des Pflanzlochs erfordert einige Mühen. Die Erde ist extrem schwer, extrem verwurzelt, viele Steine. Ich pflanze noch zwei Fichten an die Stelle des gesplitterten großen Baumes, der dem Wirbelsturm FIONA im September 2022 nicht standgehalten hat. Vielleicht schafft es eine der Fichten durch die ersten Jahre. Der Platz dafür ist jedenfalls einer der besten. Hier könnte ein Stamm wachsen und gedeihen und zu einem mächtigen Baum heranwachsen. 30 Jahre dürfte er allerdings brauchen! Das ist schon so eine Sache mit den Zeiträumen in Bezug auf den Wald. Da kommt man mit dem Klein-Klein einer Balkonkastenbepflanzung nicht weit. Saisonale Blütenpracht -weit gefehlt! Stattdessen lege ich an die Wurzeln der kleinen Fichten einige Steine. Die wachsen dann schön ein und das Bäumchen hat mehr Halt.

 

 

MEN`S WORK

Walter beseitigt Wurzeln, die weit in die Wiese ragen. Der Mäher wird hier stark eingeschränkt und muss von beiden Seiten ran. Sehr umständlich. Ausgezehrt und bereits ausgebleicht von Wind und Wetter haben die Wurzeln noch erstaunliche Kraft. Da müssen Kuhfuß, Säge, Spaten und Hebelwerkzeuge her.

 

 

CLEAN UP

Ich ertappe mich dabei, wie ich wortkarg, den linken Arm abgewinkelt auf dem Tisch liegend, meine Spagetti Bolognese in mich hinein gabele. Aufgestützt, wie schwerst arbeitende Männer, die nach getaner Arbeit müde ihr karges Mahl zu sich nehmen… Ein Schluck Wein bringt mich dann doch wieder ins Hier und Jetzt zurück. Dabei habe ich nur den Platz neben der Garage freigeräumt, von Brombeerranken befreit, einen Haufen Steine, größere Steine und große Brocken beseitigt und zur Landgewinnung in die bereits vom Meer ausgespülten Randbereiche geworfen. Zwei Stunden.

 

KAMINFEUER

Anheizen. Gespaltetes Holz. Nicht den groben, großen Holzklotz! Dieser Ofen braucht zum Anheizen viel Papier, dazwischen mittleres gespaltenes Holz, ein großes Holz hinten liegend, da alles Feuer Richtung Abzug strebt. Luftzufuhr auf“ sonst bekommt das Feuer am Anfang zu wenig Luft. Feuer machen will gelernt sein! Das Knistern und Knacken verspricht behagliche Wärme. Dann wird`s urgemütlich und wir verzeihen der Jahreszeit den ungewöhnlichen Kälteeinbruch – Bleibt uns ja eh nichts anderes übrig.

 

TALKATIV

Es ist 6:15 pm. Wir haben einen Tisch im Bras d’Or Lake Inn reserviert. Konnte nicht ergründen, was das ..."15" soll. Richtig pünktlich sind hier sowieso nur die Deutschen. Unerwartet groß der Raum, ein Teil ist abgetrennt für eine kleine Bühne. Livemusik. Songs von Jonny Cash begrüßen uns. Viel Gebälk. Viel Holz. Viel Platz. Großzügige Tische. Wir bekommen den Platz am Fenster. Die Aussicht weit, der Bras d’Or Lake heute ruhig und grau. Dahinter die unermesslichen Wälder. Christina begleitet uns. Wir sprechen über das Wetter, den langwierigen Prozess der kanadischen Immigration, man müsste halt Flüchtling sein oder prominent, dann wäre es leichter. Und wir suchen nach Lösungen für die leidliche tägliche Kocherei. Lösung ist “Ken kocht”. Da wird vorbereitet, was das Zeug hält und man hat Essen für vier Tage. NICE! 

Wir bestellen Tagliatelle mit seafood, Schäuferle vom Rind mit mashed potatoes und Chicken an gebratenem Gemüse. Unerwartet feine Küche! Dazu Rotwein. Weißwein. Wasser ist umsonst und wird auch gerne wieder aufgefüllt. Urgemütlich und ziemlich authentisch, der nordamerikanische Stil. Und wie könnte es anders sein, werden wir von unseren Tischnachbarn angesprochen. Wir müssen laut reden, die Tische sind so weit auseinander. Die beiden Männer kommen aus Neufundland. Mit dem Fahrrad wären sie seit einigen Tagen unterwegs. Dem entsprechend wird auch reichlich gegessen. Da türmen sich Salate, Suppen, Hauptspeisen, ein Zwischengang und zum Schluss noch Kaffee und eine Art Schwarzwälder Kirschtorte. Sie hätten für die Abreise morgen noch ein Essenspaket beim Wirt bestellt. Mit großer Geste wird die Größe des Paketes angedeutet. Herzliche Verabschiedung. So sind sie, die Neufundländer, sehr kontaktfreudig.

<< Neues Textfeld >>

<

MOSKITO DAY, TODAY

Zwei Tage Regen bei 10 Grad plus und nun das! Moskito Day! Wir müssen genau planen, was wir heute erledigen. Jedenfalls schon mal keinerlei Arbeiten am Waldrand. Vorsorglich habe ich mein Holzfällerhemd angezogen. Schön warm. Die Holzvorräte im Haus sind aufgebraucht. Bis oben zugeknöpft hole ich Nachschub aus der Garage. Ich erfahre gerade, dass es in Erlangen seit Tagen schön warm ist. Tja, wäre schon eine Alternative… !

<

CONSTRUCTION SITE

10:00 bis 12:00 Baustelle am Tilled Shore Drive. Ein Haus wird gebaut. Ich bin eingeladen, zu helfen. An zwei Tagen verkloppe ich ca  50 Sparrenpfettenanker, spezielle Verbindungen zwischen den Längs- und den Querbalken eines Gebälks. Mit einem schweren Zimmermannshammer brauche ich vier bis fünf Schläge pro Nagel. Mit der Luftdruckpistole reicht ein einziger Druckimpuls. Immer zwei von vier möglichen Löchern in den Metallankern sollen mit Nägeln bestückt werden. Eine leichte Arbeit. Licht kommt durch die noch nicht abgedeckten Balken. Wind streicht durch noch offene Fensteraussparungen. Besonders einer der beiden Männer auf dem Dach unterhält sich gerne über Best Price, Best Tools, Swimming Pools. Some got divorced. Some passed away... Die Sonneneinstrahlung ist extrem stark, obwohl es nur 25 Grad hat. So gibt es denn bald eine Pause. Gerne wird der Plan, unser Deck zu erneuern aufgenommen und alle sind dabei, die besten Möglichkeiten auszuloten.

Morgen, gleiche Zeit, gleicher Ort. Wann hat man schon mal die Gelegenheit am Bau eines Holzhauses im Osten Kanadas teilzunehmen? Exciting!

 

PLÖTZLICH IST SOMMER

Warm und weich kommt der erste Sommertag daher. Schon früh am Morgen empfängt uns milde Luft. Als wenn die Zeit stillsteht. Als wenn es nichts anderes gibt auf der Welt, als diesen einen Moment. Das Meer vollkommen ruhig. Nichts regt sich. Klare reine Farben. Eine erste Möwe am stahlblauen Himmel. So schön!

 

PORPOISES PORPOISING - Oder: Kleiner Tümmler in Sicht!

Heute haben wir eine Gruppe Schweinswale gesehen. Zogen in ruhigem Wasser an unserem Haus vorbei. Konnte das nur anhand von Videos auf YouTube feststellen. Man kann nur wenig von den Flossen erkennen und beim Auftauchen eine dunkle Fläche des Körpers. Die Bewegung des Wassers allerdings, war sehr typisch und gut zuzuordnen. Vielleicht drei Tiere.

Mit Körperlängen von bis zu 2,5 m gehören diese Tiere zu den kleinen Walen mit gedrungenen Körper, rundem Kopf und stumpfer Schnauze.

Ca. 300 davon leben übrigens auch in der Elbe und der Ostsee - und am Jangtsekiang. Irgendwie verbindend. 

<

GENERELL STORE

Neueröffnung eines Second-Hand Shops in St  Peters! Ich treffe mich mit Anne und nach 25 Minuten Fahrt biegen wir beim Generell Store = Gemischtwarenladen in die Pepperell Street ein - ohne jegliche Erwartungen meinerseits. Ein Gebäude wie aus der Zeit gefallen und der Second-Hand Laden auf keiner Webseite zu finden. Wir werden mit einem herzlichen HEY GUYS empfangen. Tatsächlich finde ich hier eine coole Hose von GAP und ein super tolles Shirt von Marco Polo! Das wird meine neue Arbeitskleidung. Ich muss schmunzeln, denn in der kläglichen Umkleide sind gleich mehrere Verhaltensaufforderungen angebracht. Unter anderem, bitte keine Kleidung an das ums Eck gebogene Rohr mit Vorhang zu hängen. Ist in ca. 1,60 Meter Höhe angebracht! Natürlich hatte ich schon was drangehängt und das zweckentfremdete Rohr bog sich abenteuerlich. Gerade nochmal gut gegangen! Wir haben unseren Spaß mit der Farbwahl. Anne in Pink und Orange, ich eher in Grau-Grün unterwegs.

Learn more: Um solche Highlights rechtzeitig zu erfahren, sollte man in der Cape Breton-WhatsApp-Gruppe sein. 

 

A HOUSE TOUR

Emily und Pam sind gerade nach dem Schulabschluss ins Berufsleben eingestiegen. Beide wohnen noch bei ihren Eltern. Sie besuchen uns “For a House Tour/ Intersection“. Sie wollen unser Haus in unserer Abwesenheit mieten, endlich frei sein, endlich den elterlichen Kühlschrank verlassen. Dabei wohnen die Eltern quasi um die Ecke. Süß!

 

NEIGHBORHOOD

In unserer Nachbarschaft sind wir zum größten Teil von Kanadiern umgeben - sprechen also in Gesellschaft meistens Englisch. Die Menschen sind sehr leistungsorientiert aber gleichzeitig äußerst entspannt und ausgesprochen höflich. Somit werden wir auch nur selten korrigiert wenn wir uns gelegentlich ganz ohne Umschweife über die komplette Grammatik hinwegsetzen… Der gute Wille steht über allem. Andererseits finden wir, dass wir uns schon ganz gut verständigen können und finden unsere Treffen nicht mehr nur anstrengend.

Ganz anders die jüngere Generation. Die hilft immer gleich drauf, wenn ein Begriff nicht so ganz passt. Gelegentliches Kichern kann auch schon mal auf den nötigen weiteren Englischunterricht hinweisen.

 

 

CANADA DAY , JULY 1

Der British North America Act legte 1867 das sogenannte Dominion of Canada fest, dem die Provinzen OntarioQuébecNova Scotia und New Brunswick angehörten.

Die neuerlangte politische Einheit kam zu einer Zeit, als die Väter der Konföderation noch zögerten, einen Namen mit dem Charakter einer Unabhängigkeitsbestrebung zu verwenden.

Der neue Bundesstaat kaufte 1869 der Hudson’s Bay Company die Nordwest-Territorien ab. Ein Jahr später kam die Provinz  Manitoba dazu. Danach traten British Columbia und Vancouver Island der Konföderation bei, zwei Jahre später folgte Prince Edward Island.

Um den Westen für die Besiedlung durch Einwanderer zu erschließen, beteiligte sich die Regierung an der Finanzierung von transkontinentalen Eisenbahnen. Als direkte Folge des Klondike-Goldrauschs wurde 1898 das Yukon-Territorium geschaffen. Aufgrund der zunehmenden Besiedlung der Prärie entstanden die Provinzen Alberta und Saskatchewan. Mit den Indianern schloss Kanada zwischen 1871 und 1921 elf Verträge ab, die ihnen Reservate zuwiesen… Und so wuchs Kanada zu dem, was es heute ist.

Wir selbst hissen ein Kanada-Fähnchen am Eingang, das uns eigens gebracht wurde und reihen uns damit ein in die Landesbräuche.

 

 

DON`T PANIC

Die Kerzen auf dem kleinen Regal brauche ich gar nicht mehr weg zu stellen. Gestern Abend kurzer Stromausfall, zwei Tage zuvor auch schon mal. Heute ein Gewitter bei dichtem Nebel. Geht das überhaupt zusammen? Das Internet funktioniert nicht mehr. Don’t panic!

Gelassenheit ist angesagt. Dann hat man eben Zeit für anderes. Ein anschwellendes Brausen kündigt sich an - hört sich an, wie ein heran nahender übergroßer Lastwagen auf sanften Reifen. Ein heftiger Regenschauer geht nieder! Es ist 6:00 Uhr morgens.

Wir sitzen beim Frühstück. Toast ungetostet, Wasser nicht erhitzt, Müsli. Nova Scotia Power lässt uns wissen, dass wir ab 9:00 Uhr wieder versorgt werden können. Eine halbe Stunde vor der angekündigten Zeit rödelt der Drucker wieder los und zeigt die vertraute Vitalität. Der Backofen gibt eine fröhliche Tonfolge von sich. Alle Systeme laufen wieder...

 

 

GOING WITH THE WIND

Da fährt einer flott quer über den Parkplatz vor Dollarama  und kurvt direkt vor mein bereits sorgfältig geparktes Auto. Und schon stehen Gary und seine Frau breit strahlend vor mir. Gary kann in null Komma nix Decks zersägen und in gigantische Container werfen. Manchmal steht oben noch was raus! Eben mal hoch geturnt, auf dem Rand balanciert und den Abfall geebnet… Ich werde vorgestellt: 

„This is Inga, she’s a good worker“. 

ACH ! Da tun sich nun zwei Welten auf. Zum einen bin ich ja nicht NUR am Arbeiten. Arbeiterbienen, Arbeitsbedingungen, Streik!?

Zum anderen fällt mir dazu die Geschichte der Natives ein, die nach Zeremonien einen Namen zugewiesen bekommen. Wie zum Beispiel, “Der mit dem Wolf tanzt” oder “ Wind in seinem Haar”. Überhaupt ist mir schon aufgefallen, dass man hier gerne die herausragenden Eigenschaften des anderen benennt. “That’s Howy, he’s a sailer” oder “It’s Kathy, she’s a runner”. Meint, sie läuft cross country, bergauf, bergab in ihrer Freizeit. 

 

Ein trockener, heißer Tag, hier im Ort, am Parkplatz. Ein alles bestimmender, böig-stürmischer Wind aus Süd-Ost. Er hüllt mich ein wie eine aufgewirbelte wärmende Decke. Übermächtig zerrt der Wind an T-Shirts und an den Haaren. In Südafrika soll es ähnliche Winde geben. Im Geheimen wäre ich gerne „Die mit dem Wind geht“.

 

JUST DO IT!

Schon im letzten Jahr zeichnete sich ab, dass das gesamte Deck erneuert werden muss. Dieses Jahr gehen wir es an.  Rechtzeitig bevor das Boot zu Wasser gelassen wird und mit Müßiggang lockt. Das Wetter lädt auch eher zu intensiver Arbeit ein! So starten wir also mit dem Abbruch. Ein gigantischer Container von der Größe eines Swimmingpools wird angeliefert. Dazu ein großer Haufen Split für den Untergrund. Wo wir noch vorsichtig unter die Bretter lugen, damit wir die Unterkonstruktion erfassen (soll ja wieder aufgebaut werden) leisten spontane Helfer mit der Motorsäge ganze Arbeit. In einer Stunde ist der vordere Teil zerlegt und im CAN (Container) untergebracht. Für die Unterkonstruktion steht uns Kent mit seinem Handwerkerwissen zur Seite. Er hat bereits sechs Holzhäuser mit den dazugehörenden Decks gebaut und hat die Maße im Kopf. Da wird nix geplant und aufgeschrieben und keinesfalls soll was verschwendet werden! Unsere stundenlange Planung, alle Bretter unterzubringen und nichts zu vergeuden wird mit keinerlei Miene zur Kenntnis genommen. JUST DO IT!

<

SIX POUNDS NAILS

Unser neues Deck macht große Fortschritte. Es fehlen noch ein paar Nägel, also werde ich losgeschickt sechs Pfund Nägel zu holen. Bei HomeHardware in Louisdale, im Nachbarort. Ohne Vorbereitung würde ich denken, da erlaubt sich jemand einen Scherz. “Immediately”? frage ich, es ist nämlich Essenszeit und ich komme gerade vom Großeinkauf zurück. Die Nägel würden in einer Stunde gebraucht, also fahre ich gleich los. Die Nägel werden auf einer großen Lastenwaage abgewogen. $20. Die werden in den nächsten zwei Tagen verkloppt...

... nicht wissend dass ich übermorgen weitere SIX POUNDS NAILS brauchen werde!

 

BAY OF FUNDY

Wir fahren den Transcanada Highway nach Debert an die Bay of Fundy. Vorbei an Tatamagouche und an Truro. Auf Höhe Bible Hill steht plötzlich eine Weißwedelhirschdame neben mir. Ein kurzer, intensiver Blickkontakt und ich entscheide mich, nach kurzem Bremsversuch, weiter zu fahren. Die Weißwedelhirschdame entscheidet sich mich passieren zu lassen. Adrenalin pur! Nach drei Stunden Fahrt werden wir herzlich empfangen. Ein gebrauchter Motor für das Segelboot und sein Besitzer nebst Frau warten auf uns. Gewohnt wird in einem Trailer, in einem Trailer “Park”. Dazu ein Holzdeck. Dazu eine Garage, ein Wohnwagen, ein Spider Bike in Stahlblau! Alles dichtgedrängt. Die Nachbarn wären alle top! Alle Funktionen des Motors werden vorgeführt. Er selber wäre “honest”, wird uns versichert. Wir könnten ihm vertrauen, er würde niemandem was schlechtes verkaufen. So springt dann auch der Motor sofort an, die Schraube wirbelt im bereitgestellten Eimer mit Wasser. Klappmechanismus, Reißleine, Säubern, Maßnahmen zum Überwintern… Es regnet, was aber niemanden weiter stört. Mit vielen weiteren Ratschlägen über mögliche Einkäufe und Sightseeings, über die berufliche Ausrichtung seiner Frau und die Kurzfassung seines persönlichen Lebensweges/Lebensleides! schließen wir den Kauf ab. 

Eine kurze Strecke führt uns zu unserem Quartier für die Nacht. Was sehr Nettes. Ein Retreat, bestehend aus ca. sechs Holzhäuschen, direkt im Wald mit direktem Zugang zur Bay of Fundy. 

Hier tauschen sich unendliche Wassermengen mit einem außergewöhnlich hohen Tidenhub von bis zu 21 Metern aus. Das ablaufende Wasser hinterlässt riesige Sandflächen. Mal rosé-schimmernd, mal helles Ocker. Verzauberte Welt. Wunderschönes Abendlicht.  

Auf dem Rückweg entdecken wir eine Ansammlung an Häusern, vollgestopft mit Antiquitäten! Vieles, was von der Zeit der Einwanderer erzählt. Von alten Bibeln bis Puppenwiegen, Mobiliar, Stoffe, Geschirr und allerhand Gebrauchsgegenstände. Ein Sarg, Münzen, Bilder, ausgestopfte Tiere, Fensterrahmen. Werkzeuge, denen man ansieht, wie schwer die Arbeit damals war. Auf mehreren Etagen staunen. Eine Marilyn Monroe-Puppe neueren Datums. Die Stufen so alt wie so manche ausgestellte Ware. Letztendlich entscheide ich mich, keines der vergangenheitsbeladenen Kleinoden mitzunehmen. 

 

 

SUNDAY

Seit Tagen regnet es heftig. Der Höhepunkt war gestern mit 210 mm Regen. Heavy Flooding in West Hants. Morgens um sechs dann ein heftiges Gewitter, zum Abschluss, sozusagen. Das Boot ist vollgelaufen. Da heißt es schöpfen! Wir rücken aus mit Gummiboot und Kajak und diversen Schöpfkanistern. 

Danach kleines Frühstück mit französischen Croissants! Um 12:00 Uhr ist Kirche. Der Pfarrer lädt einmal im Jahr zur Messe in die kleine, über hundertjährige Dorfkirche St Patrick ein. Da gehe ich zu Fuß hin. Ist gleich um die Ecke. 

Wir singen Circle of Friends und Lady of Knock – eine irische Hymne. Besonders beim Refrain stimmen alle ein und spätestens da finde ich mich gefühlt in einer Gemeinschaft von Immigrants um 1878 wieder. Es wird auch der Toten gedacht, die auf dem Friedhof nebenan liegen. McNamara, McLoed, die Erbauer der Kirche. Am Ende der Messe wird eine flotte Melodie angestimmt und Pfarrer und Messner verlassen rhythmisch klatschend, gut gelaunt und federnden Schrittes die Kirche. Die kleine Gemeinde wird noch mit Kaffee und Kuchen versorgt, der Kuchen ist kunstvoll dekoriert mit blauen und grünen Creme-Rosetten. Ich bekomme noch ein CAKE PACK für Walter mit nach Hause.

<< Neues Textfeld >>

<

 

 

WE PRAYED FOR YOU, WALTER...

GO AHEAD WITH IT!

Endlich kommen lang ersehnte günstige Winde und Traumwetter. Da gehts zur ersten Segeltour. Hier und da fehlt noch eine Öse, ist etwas zu kurz oder zu lang aber alles in allem, ein schöner Tag auf dem Wasser.

 

 

HUMMINGBIRDS

Die Kolibris sind treue Gäste an der Zuckerwasser-Tränke. 4:1 wird vorgekocht. Ist die Tränke leer, stehen sie förmlich schwirrend in der Luft, direkt vor unserer Türe zum Deck. Mal sehen, wo der Nachschub bleibt.

Morgens, wenn alles noch ruhig ist, sitzen zwei von ihnen auf der Wäscheleine. Eines bräunlich, das andere hat ein prächtiges, grünes Gefieder.

 

 

CANADA GEESE VS COYOTES

Die Kanadagänse sind tägliche Gäste, wenngleich sie meistens nur vorbei zum Brook schwimmen und da nahrhaftes in der Einmündung zum Meer finden. Dürften zwei bis drei Familien sein. Nach ihrem Besuch an Land stürmen irgendwann alle einem geheimen Kommando folgend gemeinsam Richtung Wasser um laut schnatternd das Weite zu suchen. Die Kanadier selber finden es abscheulich, dass die Tiere auf den Rasen kommen und Verschiedenes hinterlassen. Deshalb ist es gerade Mode in der Nähe des Wassers einen täuschend echten, hölzernen, nordamerikanische Präriewolf aufzustellen, der auch noch bei Bedarf sein typisches Heulen loslässt. Erfolg ist garantiert! 

 

 

YESTERDAY 00:00

 

 

DEERS

Heute Morgen waren zwei Weißwedelhirsche da. Eine Mutter mit ihrem Jungen. Sie wagen sich vor bis zum Gazebo, verharren einige Momente in höchster Aufmerksamkeit, unbewegt und kehren dann zurück in den schützenden Wald.

Zwei Hasen besuchen uns und nachmittags schaut ein Squirrel vorbei und zerrt unermüdlich an dem ausgebreiteten Tuch...

 

 

ASK TERRY

Bei der letzten Segelei hat Walter die gelegentliche Abendflaute nicht bedacht und kam mit Minimalwind erst kurz vor Sonnenuntergang zurück. Der neue Motor konnte nicht in Gang gesetzt werden. Terry will vorbeischauen und den Motor prüfen. Ich paddle mit dem Kajak zur Boje, hänge das Seil mit dem Segelboot in eine der Schlaufen und paddle die wenigen Meter ans Ufer. Walter und Terry warten schon. Kurze Inspektion, den Tank angeschlossen, den Joke gezogen. Der Handhebel auf etwas über ‘Start’ gestellt. Und mit einer Leichtigkeit an dem Starterkabel gezogen. Das funktioniert ja ganz super! Aufatmen. - Zu früh.

Die Leichtigkeit trügt! Da hat einer unendlich viel Kraft! Bei mir sieht das gleich ganz anders aus. Ich hänge an dieser langen Leine, viel zu langsam, um den Motor zu motivieren. Dazwischen immer mal halb, mal ganz, mal gar nicht den Joke gezogen. Erneutes ziehen am Starterkabel.

Nach etlichen Versuchen merke ich, dass es durchaus auf das letzte Drittel ankommt. Hier muss Schnellkraft aufgebaut werden. Vielleicht hilft ein ordentlicher Brass auf das Ding? “Sch… blö… Ding!” Bevor mein rechter Arm erlahmt, ist plötzlich ein leises tuckern des Motors hörbar - Ah, toll, geschafft. Schnell etwas Gas geben, sonst ist alles umsonst - Zu spät.

Ein Appell an alle Ingenieure, die Motoren bauen: Was soll dieser Mist! Beim Auto muss ich doch auch nicht mehr die Kurbel drehen!!! Ich bitte um einen Starterknopf!

Bei Walter sieht die Szene auch nicht viel besser aus. Ein Expander muss her und ein tägliches Trainingsprogramm! Vielleicht ein Ruderergometer?.  Vielleicht hilft auch, ein vertrauensvolles Verhältnis zu dieser Technik aufzubauen. Sozusagen eine innere Verbindung herstellen. Eins Sein mit dem Anlasser. Erspüren wo’s drauf ankommt.

 

 

Der Adler fliegt seine Runde von West nach Ost, vom nahen Baum in die Baumwipfel hinter dem Brook. Ein bisschen zerrupft sieht er aus! Die Federn nicht so recht geordnet. Vielleicht das Resultat von dem gestrigen aufgeregten Gezeter. Mehrere Krähen waren involviert, dazu zwei von den großen Möwen und zwei Adler. Vielleicht hat auch einer von den Nachbarn gefüttert. Dann gibt es kein Halten mehr und jeder beansprucht die besten Happen für sich.

Die Strecke über das glatte Wasser legt er ohne einen weiteren Flügelschlag zurück. Ob er weiß, dass sich sein Gefieder auf der Oberfläche spiegelt? Einmal berührt er das Wasser. Ohne Beute. Diesmal. 

<

Foto: CityNews Halifax

 

 

LOW TIDE

Extreme Ebbe breitet sich aus. Low Tide liegt im Moment bei 35 cm über Normal Null. Es geht also noch ein bisschen mehr, allerdings nur bei gewissem Mondstand und der dazu passenden Windrichtung. Das ablaufende Wasser bietet etliches an Futter. Zwei Adler lassen sich nieder und bewegen sich schwerfällig hüpfend auf dem steinigen Sand. Krebse, Muscheln, Fische, Seesterne – ob etwas davon mundet? Zunächst sind sie aufmerksam und beobachten die Szene am nahen Brook. Bis einer von beiden aufsteigt und in Richtung Osten startet.

Die Strecke über das glatte Wasser legt er ohne einen weiteren Flügelschlag zurück. Ob er weiß, dass sich sein Gefieder auf der Oberfläche spiegelt? Einmal berührt er das Wasser. Ohne Beute. Diesmal. 

 

 

FEEL FREE

"Wir sind frei, wenn unsere Handlungen aus unserer ganzen Persönlichkeit hervorgehen."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kontakt

my-artworks.com

 

 

 

Druckversion | Sitemap
© Ingeborg Stucke